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Seit 2016 fertigt Bridge&Tunnel Kleidung aus gebrauchten Materialien. Dabei entstehen Jobs für Frauen mit gesellschaftlichen Benachteiligungen, deren Talente im klassischen Arbeitsmarkt oft übersehen werden. In der Hamburger Manufaktur erlernen die Näherinnen nicht nur handwerkliche Fähigkeiten, sondern auch die deutsche Sprache und wichtige soziale Kompetenzen. Extra eingerichtete Sozialsprechstunden helfen den Mitarbeiterinnen bei Behördengängen, Rechtsfragen und der Wohnungssuche. Bridge&Tunnel steht für zweite Chancen durch Arbeit. Denn: „Wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Und wer arbeitet, fühlt sich gebraucht.“
Constanze Klotz, Geschäftsführerin
Gegründet wurde Bridge&Tunnel von Lotte und Conny. In ihrer Zusammenarbeit sehen sie sich als Außen- und Innenministerium ihres Unternehmens. Als diplomierte Textildesignerin ist Lotte die Expertin für Design, Produktion und die Website. Conny befasst sich als promovierte Kulturwissenschaftlerin mit Kommunikation, Social Media, Fundraising und Sales. Am meisten verbindet die beiden aber ihre raketenmäßige Begeisterung, die Welt mit kleinen Schritten ein bisschen besser zu machen.
Wir freuen uns riesig, mit Conny über ihre Beweggründe, ihren Impact und die Modebranche im Allgemeinen zu sprechen.
Viele der Mitarbeiter*innen von Bridge&Tunnel hatten aufgrund ihres Alters, ihrer Sprache, ihrer Religion, ihrer Gehörlosigkeit oder ihrer Fluchtbiografie bislang Schwierigkeiten, Anstellungen auf dem ersten Arbeitmarkt zu finden. Bei Bridge&Tunnel werden nicht nur ihre kreativen Fähigkeiten und Fertigkeiten aus Heimatland- oder Familienkontext gesehen, sondern auch ihr großer Nutzen für die textile Produktion. Lotte und Conny nennen das „Talents over diploma“.
So entstehen individuelle Einzelstücke, eine unerschöpfliche Vielfalt an verschiedenen Designs und die Möglichkeit, durch einen festen Arbeitsplatz Sichtbarkeit und Wertschätzung zu erfahren.
Bridge&Tunnel ist eine Textilmanufaktur aus Hamburg, die zeigt, dass Mode auch anders geht: lokal, fair und ressourcenschonend. Seit 2016 fertigen wir Designs aus gebrauchten Materialien – für unser eigenes Label und für Unternehmen – und schaffen Jobs für Menschen mit Flucht- oder Migrationsbiografie, deren Talente im klassischen Arbeitsmarkt oft übersehen werden.
Gegründet haben wir Bridge&Tunnel, weil wir überzeugt sind: Design kann mehr. Es kann Teilhabe ermöglichen, Selbstbewusstsein stärken und Wandel anstoßen – für Materialien und für Menschen.
Mit dem B2C-Bereich haben wir gestartet und zeigen dort seit 10 Jahren, wie wunderschön und zukunftsfähig Upcycling-Design sein kann. Gleichzeitig wissen wir: Für echten Impact braucht es einen größeren Hebel, deshalb bieten wir unseren Upcyclingservice seit 7 Jahren auch für Unternehmen an, die Verantwortung übernehmen möchten.
Im B2B-Bereich verwandeln wir textile Unternehmensreste wie abgelaufenes Merch, Arbeitskleidung, Messeplanen oder Fehlproduktion in neue Designs, die z.B. beim Onboarding, für Events oder als Geschenke weiter zirkulieren können.
Unsere B2B-Kund*innen sind dabei sehr divers – von Konzernen wie Otto, Levi‘s oder SAP bis zu NGOs wie Sea Shepherd oder Greenpeace. Gemeinsam ist ihnen der Wille, Kreisläufe zu schließen und soziale Verantwortung ernst zu nehmen.
In der eigenen Manufaktur von Bridge&Tunnel erhalten die Näherinnen fachliche Weiterbildungen, Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache und Hilfe um die Hürden des Alltags zu bewältigen.
Slow and Fair ist für uns kein Marketingsprech, sondern eine Ansage. Wir sind ehrlich gesagt ziemlich müde von einer Modewelt, die immer schneller, immer beliebiger wird. Die ständig neue Trends raushaut, während am anderen Ende der Welt Menschen dafür schuften – oft unter katastrophalen Bedingungen.
Slow heißt für uns: innehalten. Besser machen. Dinge reparieren statt wegwerfen. Weniger kaufen, aber mit Sinn.
Fair heißt: Wir schaffen Arbeit, die gebraucht wird. Mit echter Anerkennung und Wertschätzung – für Menschen, die sonst oft übersehen werden.
Mode kann so viel mehr sein als Konsum. Sie kann Haltung zeigen. Sie kann Teilhabe ermöglichen. Und sie kann schön sein – ohne schönzufärben.
Die Modebranche hat ein massives Problem mit Ausbeutung – das ist kein Geheimnis. Was oft fehlt, ist der Wille, das wirklich zu ändern.
Für uns heißt faire Arbeit: sichere Jobs mit Perspektive, keine Ausbeutung, keine Unsicherheit. Unsere Werkstatt ist kein Billiglohn Projekt, sondern ein Ort, an dem Menschen wieder Wertschätzung und Stabilität erfahren.
Damit der Einstieg noch besser gelingt, haben wir ein Patenschaftsmodell entwickelt: Unternehmen können die Patenschaft für eine Näherin übernehmen – ganz konkret ein Jahresgehalt. Das schafft Planungssicherheit für die Person und ermöglicht eine längerfristige Zusammenarbeit. Gleichzeitig geben die Paten unserer Arbeit sichtbare Unterstützung und stehen für gelebte Verantwortung in ihrer Branche.
Aus alt mach neu. Textilreste sind ein wachsendes Umweltproblem. Bridge&Tunnel macht aus Jeans- und Stoffresten ganz individuelle Lieblingsstücke.
Bridge&Tunnel gibt es diesen Sommer 10 Jahre, der Verein we desig society ist im Frühjahr 2025 dazu gekommen. Der Verein ist unabhängig, arbeitet aber eng mit der Manufaktur zusammen – vor allem, wenn es um die Begleitung und Qualifizierung von Frauen mit Flucht- oder Migrationserfahrung geht.
Während wir bei Bridge&Tunnel Arbeitsplätze schaffen, setzt der Verein früher an: mit niedrigschwelligen Angeboten, Sprachförderung, Beratung und Empowerment-Workshops. Damit Integration nicht erst beim Arbeitsvertrag beginnt – sondern beim Ankommen.
Und natürlich freuen wir uns beim Verein immer über Spenden. Jeder Beitrag hilft, langfristig Teilhabe zu ermöglichen – über Mode hinaus. Mehr Infos gibt’s hier: www.wedesignsociety.de
Es gab viele Gespräche, die mir nah gegangen sind. Die Folge mit Lisa Jaspers von Folkdays hat besonders viel in mir ausgelöst. Wir haben über Mode und Patriarchat gesprochen – und darüber, wie tief Ungleichheit in unseren Konsum eingebaut ist. Lisa findet klare Worte, ohne zu vereinfachen. Das hat mich nicht nur als Macherin, sondern auch als Konsumentin getroffen.
Auch die Folge mit Vreni Jäckle von den Fashion Changers hallt noch nach. Unter dem Titel Fast Fashion, Slow Change ging es um das große Ganze, wie wir als Aktivist*innen weitermachen können, wenn Veränderung zu langsam geht.
Und dann waren da viele andere Gespräche, die sich eingebrannt haben: Mit Melodie Michelberger, die so ehrlich über Körper, Kleidung und Sichtbarkeit gesprochen hat.
Oder jüngst mit Andrea Gerhard, die gezeigt hat, wie viel Einfluss Sprache auf unser nachhaltiges Verhalten hat.
Ich glaube diese Gespräche wirken deshalb nach, weil sie uns nicht nur etwas beibringen, sondern etwas in Bewegung setzen. Dafür machen wir Talk Slow
Selbstverwirklichung klingt oft nach Ego – aber bei uns geht’s genau um das Gegenteil. Was wir suchen, ist Verbindung. Sinn. Wir wollen mit dem, was wir tun, Räume schaffen: für Menschen, die sonst durchs Raster fallen. Für Materialien, die als wertlos gelten. Für Perspektiven, die sonst keine Bühne bekommen.
Natürlich steckt auch ein Stück Selbstverwirklichung drin – aber nicht im klassischen „Ich mach mein Ding“-Sinne. Eher: Wir versuchen, das System, in dem wir leben und arbeiten, ein kleines Stück zu verschieben.
Wenn eine Näherin sagt: „Ich habe hier zum ersten Mal das Gefühl, gebraucht zu werden“, dann ist das mehr als ein Job. Und wenn jemand ein personalisiertes Kleidungsstück bei uns bestellt, entsteht eine Beziehung zum Produkt – nicht nur ein Kauf.
Was wir suchen? Dass Arbeit etwas Sinnvolles bedeutet. Für alle, die daran beteiligt sind. Und ja – das fühlt sich verdammt gut an.
Viele nachhaltige Businesses – nicht nur im Fashionbereich - kämpfen gerade ums Überleben – das ist absolut alarmierend und deshalb haben wir darüber geschrieben. Aber ich glaube nicht, dass den Leuten plötzlich Nachhaltigkeit egal ist. Eher, dass viele müde sind. Nachhaltigkeit war lange ein moralischer Appell – und der funktioniert nicht mehr, wenn Menschen selbst unter Druck stehen.
Dazu kommt: Greenwashing ist bequem. Große Marken machen es Konsument*innen leicht, sich mit einem „Conscious“-Label gut zu fühlen – ohne das System zu hinterfragen.
Das Problem liegt also nicht bei den Einzelnen. Sondern in einem Markt, der Verantwortung simuliert, statt sie zu übernehmen. Und in politischen Rahmenbedingungen, die echtes faires Wirtschaften kaum möglich machen.
Gerade deshalb ist es so wichtig, weiter laut zu sein. Und sichtbar. Denn wer nachhaltige Mode nur als Trend behandelt, verpasst die Chance auf echten Wandel.
Was ich schon lange mal loswerden wollte? Dass es mich richtig happy macht, wenn Menschen aus unterschiedlichen nachhaltigen Bereichen – wie hier bei euch von WEtell – miteinander ins Gespräch kommen.
Weil es zeigt: Wir sind viele. Und wir können voneinander lernen. Nachhaltigkeit ist kein Wettbewerb, sondern ein kollektives Projekt. Und gerade in Zeiten, in denen vieles wackelt, tut es gut, wenn man merkt: Wir halten zusammen. Wir teilen Werte. Und wir glauben daran, dass es besser geht.